• 160 Jahre Schmitt + Sohn.

Interviewreihe mit S+-Expertinnen und -Experten anlässlich unseres 160-jährigen Bestehens.

Unser Jubiläum möchten wir zum Anlass nehmen, Ihnen Ein- und Ausblicke in unser Unternehmen sowie die Branche zu geben und haben dafür Führungspersönlichkeiten von S+ zur aktuellen Situation befragt.
Rainer Schmitt, Leiter Vertrieb Neuanlagen haben wir dabei folgende Fragen gestellt:

S+: „Vor welchen Herausforderungen steht die Aufzugsbranche und welche Antworten können wir mit unseren Produkten darauf geben?“

Rainer Schmitt: „Unsere Branche befindet sich bereits seit mehreren Jahren in einer Umbruchphase, die wir mit unseren Produkten gestalten wollen und folgende Antworten auf die darauf resultierenden Fragen geben können:
Wir schaffen Lösungen für Barrierefreiheit, möchten die Geräuschemission mit unseren Entwicklungen verringern und die Digitalisierung der Baubranche sinnvoll nutzen.“

S+: „Wieso hat gerade der Anspruch an die Barrierefreiheit so einen hohen Stellenwert?“

Rainer Schmitt: „Unsere Gesellschaft wird immer älter und der demografische Wandel ist unaufhaltsam. Prognosen zufolge wird der Anteil der über 60-Jährigen an der Bevölkerung von heute 22 Prozent auf geschätzte 37 Prozent im Jahr 2050 steigen. Die große Mehrheit der Menschen hat den Wunsch, die Zeit nach der Berufstätigkeit bis ins hohe Alter im eigenen Zuhause zu verbringen. Ziel muss es dabei sein, dass auch ältere Menschen selbstständig, würdevoll und ohne fremde Hilfe in ihren eigenen vier Wänden leben können. Der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum steigt deshalb stetig an, sodass älteren Generationen ein passendes Umfeld für die späteren Lebensphasen ermöglicht wird.“

Doch auch jüngere Generationen profitieren durch das Konzept, denn Stufenfreiheit sorgt für zusätzlichen Komfort. Gerade junge Familien mit kleinen Kindern nutzen die Vorteile des barrierefreien Wohnens enorm. So sind die breiteren Türen für den Kinderwagen sehr gut geeignet und die stufen- sowie schwellenlosen Übergänge zwischen den einzelnen Wohnebenen oder zum Garten erleichtern Kindern die selbstständige Bewegung in der eigenen Immobilie genauso wie Senioren. Rutschfeste Bodenbeläge verringern die Unfallgefahr ergänzend.

S+: „Wann gilt eine Wohnung als barrierefrei?“

Rainer Schmitt: „Die Studie ‚Wohnen im Alter‘* hat fünf entscheidende Kriterien definiert, die erfüllt sein müssen, um als barrierefreie Wohnung eingestuft zu werden:

  1. Zugang muss barrierefrei sein,
  2. keine Stufen oder Schwellen innerhalb der Wohnung,
  3. Türen im Sanitärbereich sind ausreichend breit,
  4. der Sanitärbereich bietet ausreichend Bewegungsflächen,
  5. die Dusche ist bodengleich.

Gerade für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, sind diese Kriterien unbedingt zu erfüllen. Bei barrierefreiem Bauen müssen diese Anforderungen zum Standard gehören. Zusätzlich ist es wichtig, zu beachten, dass barrierefrei nicht gleich rollstuhlgerecht ist. Eine uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbare Wohnung muss noch weitergehende Ansprüche erfüllen.“

S+: „Welches Augenmerk muss bei Neubauten an die Barrierefreiheit gelegt werden?“

Rainer Schmitt: „Barrierefrei können mehrgeschossige Wohnanlagen nur über eine Aufzugsanlage erreicht werden. Bei Neubauten, auch mit niedriger Etagenanzahl, gehört ein Aufzug mittlerweile zur Standardausführung eines jeden Neubaus. Gefordert sind dabei Aufzugsanlagen, die schnell geliefert und montiert werden können. Die Produkt- und Materialauswahl muss trotz einer hohen Standardisierung eine weitestgehende Individualisierung der Anlage zulassen. S+ ist mit dem Produkt ISI 2040® dafür hervorragend aufgestellt und bietet neben einer enormen Vielfalt eine Materialanmutung, die ganz klar die Benchmark in der Branche setzt. Dadurch sind wir in der Lage, auch im schwierigen Umfeld der standardisierten Neuanlagen mit großen Konzernen auf ‚Augenhöhe‘ zu agieren und können so jährlich knapp 2.000 Aufzugsanlagen in unseren Märkten ausliefern und montieren. In der Aufzugsbranche ein Novum für ein inhabergeführtes Unternehmen.“

S+: „Wie sieht es bei der Nachrüstung an Bestandsbauten aus?“

Rainer Schmitt: „Bei der Ausstattung von Wohnanlagen gehörte die Ausstattung mit einem Aufzug in der Vergangenheit nicht immer zum Standard. Die meisten genossenschaftlichen Wohnanlagen oder Gebäude des sozialen Wohnungsbaus wurden mit einer Etagenanzahl ausgeführt, die keinen Aufzug vorschreiben. In den meisten Bundesländern bedeutet das Erdgeschoss plus 4 Obergeschosse. Ein Zustand, der heutzutage ohne Aufzug undenkbar ist und die Wohnanlagen in Bezug auf Barrierefreiheit unbrauchbar macht.“

S+: „Welche Lösungen kommen in diesem Falle in Betracht?“

Rainer Schmitt: „Als Lösungsansatz bieten sich Aufzüge für den nachträglichen Anbau an das Gebäude mit einem Schachtgerüst an. Bei S+ haben wir den Vorgang dafür komplett standardisiert. Von der technischen Machbarkeit (Aufmaß, technische Bewertung, technischer Lösungsansatz) bis zur kaufmännischen Kalkulation mit definierter Prozess- und dazugehörigen Lieferantenkette. Bei S+ werden etwa 60 Anlagen mit Schachtgerüsten pro Jahr ausgeliefert – Tendenz steigend. Durch eine weitere Standardisierung der Produktpalette werden wir der zunehmenden Nachfrage Rechnung tragen und das Volumen deutlich steigern.“

S+: „Wie sieht es mit Gebäuden aus, die bereits einen Aufzug enthalten? Wie kann hier für die Zukunft die Barrierefreiheit gesichert werden?“

Rainer Schmitt: „Alleine in Deutschland existieren etwa 850 Tsd. Aufzuganlagen als Personenaufzug oder als Aufzug, der eine Personennutzung zulässt. Die ständige Verfügbarkeit wird durch regelmäßigen Service gewährleistet. Allerdings ist die Lebensdauer einer Aufzuganlage technisch begrenzt und von vielen Einflussfaktoren abhängig. Es zeichnet sich ein deutlicher Trend ab, dass bei größeren Reparatur- oder Modernisierungsmaßnahmen der Austausch der kompletten Aufzugsanlage bevorzugt wird. Es ist davon auszugehen, dass das Volumen solcher Maßnahmen zukünftig das Volumen der Neubauten im Aufzugsbereich übertreffen.“

S+: „Welche Aufgaben gibt es bei solchen Modernisierungen?“

Rainer Schmitt: „Da die vorhandenen Schächte fixe Maße aufweisen, muss sich die neue Aufzugsanlage an den Schacht anpassen. Durch eine extrem flexible Fertigung kann S+ nahezu jedes gewünschte Maß einer Aufzugsanlage – sowohl im Bereich der Kabine wie auch bei den Aufzugstüren – realisieren. Damit ist gewährleistet, dass auch vorhandene Schächte ideal ausgenutzt und die vorhandenen Anlagen durch neue Anlagen mit höherer Traglast ausgestattet werden können. Darüber hinaus wird in den meisten Fällen eine Nutzung des bisher vorhandenen Maschinenraums gewünscht. Für unser Haus bedeutet das die Platzierung der Steuerung, des Frequenzumrichters und teilweise des Antriebs im Maschinenraum.

Der Prozess aus:

  • Schachtaufmaß,
  • Planung (inklusive Optimierung der Aufzugsanlage an Hand der bestehenden Schachtmaße),
  • Nutzung eines vorhandenen Maschinenraums,
  • Demontage,
  • Montage und
  • Anpassung der Schachtschiebetüren inklusive Mauerumfassungszarge an das Gebäude

ist bei S+ vollständig standardisiert und wird beinahe täglich umgesetzt.“

S+: „Welche Herausforderungen gehen mit der Geräuschemission einher und welche Lösungen können wir anbieten?“

Rainer Schmitt: „Die Zahl der Einpersonenhaushalte wird nach der neuen Vorausberechnung der privaten Haushalte von 17,3 Millionen im Jahr 2018 auf 19,3 Millionen im Jahr 2040 steigen. Damit werden 24 % aller in Privathaushalten lebenden Menschen alleine wohnen. Es besteht ein enormer Bedarf an kleinen Wohneinheiten, die kompakt gebaut die zur Verfügung stehende Fläche des gesamten Gebäudekomplexes nutzen. Auf die Positionierung von sog. „schutzbedürftigen Räumen“ wie z. B. Schlaf- oder Kinderzimmer kann keine Rücksicht mehr genommen werden. Häufig finden sich solche Räume direkt neben dem Aufzugsschacht. In diesen Räumen ist die zulässige Geräuschentwicklung normativ geregelt. In einem Zusammenspiel zwischen baulichen Maßnahmen (z. B. Betonstärke) und der technischen Gebäudeausrüstung (z. B. Aufzug) müssen die Vorgaben erreicht oder unterschritten werden.

Durch den Einsatz spezieller Optionen wie:

  1. Entkoppelung des Hauptantriebs,
  2. Einsatz gummierter Seile,
  3. Leise Schütze in der Steuerung,
  4. Positionierung der Absinkverhinderung (GB) in der Schachtgrube und
  5. gehobelte Führungsschienen

erreichen wir ein Geräuschniveau, das die gesetzlichen Vorgaben zum Teil erheblich unterschreitet.“

S+: „Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung für unsere Branche und für das Unternehmen S+?“

Rainer Schmitt: „Die digitale Aufschaltung der Aufzugsanlagen wird sich zukünftig durchsetzen. Gemeint ist das digitale Auslesen des Datenbusses der Aufzugsanlage. Werte wie:

  • Status der Anlage,
  • Ausfallwahrscheinlichkeit,
  • Fahrstrecke,
  • Fahrtenanzahl,
  • Anzahl der Türbewegungen,
  • Anzahl der Türrevisionen

und vieles mehr lassen sich über ein Dashboard überwachen. Damit können auch Funktionen des Aufzugswärters übernommen werden und eine vorausschauende Wartung erkannt werden. Aufschlüsse über Fahrqualität der Anlage sowie über alle Funktionen des Aufzugs sind damit möglich. Darüber hinaus wird der Status aller Anlagen über eine Landkarte visualisiert. Dadurch ist es auf einen Blick möglich, zu erkennen, ob eine Anlage in Betrieb ist oder nicht.

Sollte eine Anlage „außer Betrieb“ gehen, erfolgt eine Meldung an das jeweilige Servicecenter mit Ursache und Zeitpunkt. Die für den Einsatz beauftragten Servicetechniker können damit im Vorfeld die entsprechende Vorbereitung treffen.

In der Zukunft werden weitere Ausbaustufen Möglichkeiten über NFC bieten, die den Aufzug ohne manuelle Einwirkung steuern und somit eine Ergänzung zum barrierefreien Aufzug zur behindertengerechten Nutzung nach EN 81-70 darstellen.

Mit dem Produkt NEXSD® hat S+ in diesem schnell wachsenden Segment das umfangreichste Tool der Branche serienreif entwickelt.“

S+: „Sehr geehrter Herr Schmitt, vielen herzlichen Dank für Ihre tiefgehenden Ein- und Ausblicke.“

Unter www.schmitt-aufzuege.de/nexsd erfahren Sie mehr über unser neues Produkt NEXSD®.


*vgl. dazu https://www.destatis.de/DE/Service/Newsletter/Statistikbrief/statistikbrief-2019-12.pdf?__blob=publicationFile